Mein Vater

Mein Vater, nennen wir ihn Lothar, hat Krebs.

Die Diagnose kam wie ein Schock über uns. Wie schnell können doch aus harmlosen Bauchschmerzen ein tödlicher Tumor an der Bauchspeicheldrüse werden. Die Ärzte sagen es besteht keine Aussicht auf Heilung, zu weit fortgeschritten sei der Krebs, hat bereits Metastasen an der Leber gebildet. Ich bin unendlich traurig, gleichzeitig hasse ich mich dafür, weil er noch nicht von uns gegangen ist. Jetzt ist nicht die Zeit zum trauern, lieber sollten wir als Familie das Leben feiern und die verbleibende Zeit genießen.

Das die gemeinsame Zeit auf Erden endlich ist, ist jedem irgendwie bewußt. Konkret zu wissen, dass das Ende eines geliebten Menschen naht ist trotzdem schlimm.

Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre es meinem Vater noch viel Zeit zu schenken. Zeit, die er mit seiner Enkelin, meiner Tochter, verbringen könnte. Die beiden lieben sich sehr. Eine seiner ersten Reaktionen nach der Diagnose war nicht die Traurigkeit über seinen bevorstehenden Tod, sondern die Traurigkeit meine Tochter nicht mehr aufwachsen sehen zu können. Sie ist erst zwei und ich habe Angst davor, dass sie sich nicht mehr an ihn erinnern können wird, nicht mehr weiß wie herzlich die beiden zusammen lachen konnten, nicht mehr weiß wie viel Liebe ihr ihr Opa Lothar entgegengebracht hat.

Ich habe mir immer vorgestellt, wie es sein wird wenn sie größer ist, sie ist gerade erst zwei Jahre alt. Wenn sie größer ist, dachte ich, kann sie bei ihren Großeltern das ein oder andere Wochenende verbringen. In einer Geborgenheit die Großeltern eben vermitteln. Kann sie mit mir und ihrem Opa zu den Spielen unserer Lieblingsmannschaft Eintracht Frankfurt kommen. Können er und ich ihr das Fahrradfahren beibringen. Können meine Eltern uns in der neuen, größeren Wohnung besuchen in der sie endlich ein richtiges Gästezimmer haben und Zeit mit uns und unserer Tochter verbringen.

Seit kurzem ist klar, dass dass nicht möglich sein wird und diese Gewissheit, diese Kenntnis von der unumstößlich nahenden Endlichkeit lässt mich nicht mehr los.

Ich liebe meinen Vater, der so vieles für mich getan hat. Ihn zu verlieren kann und will ich mir nicht vorstellen und doch wird es so kommen.

Viel zu früh.

2 Gedanken zu „Mein Vater

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